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Es ist Herbst. Wir haben den Sommer noch in den Adern und
müssen uns langsam wieder auf den Winterschlaf vorbereiten.
Vorräte müssen gesammelt werden.
Aber was brauchen wir denn? Seelenbalsam.
Etwas, das friedvoll über melancholische Zeiten hilft.
Etwas, das Kraft spendet und Erinnerungen weckt.
Etwas, das Hoffnung auf Neues macht.
Musik die liebevoll zerreißt und versöhnlich wieder verbindet.
Von
einer, die auszog um sich selbst zu suchen
Geboren wurde Anna Depenbusch als Vollblut-Herbstkind im Oktober 1977
in Hamburg wo der Herbst immer einen Monat länger dauert als anderswo.
Kaum 10 Jahre alt steht sie mit der ersten Band auf der Bühne und
vertritt ihren älteren Bruder, der mit Masern im Bett bleiben mußte,
Von da an war ihr klar: "Ich habe mich nie irgendwann dazu entschieden
Musikerin zu werden, ich habe es von Anfang an gewusst. Die Musik hat
mich ausgesucht. Nicht ich sie." Das Leben ist schön, die Neugier
groß und Anna sammelt Erfahrungen:
- als Gemüselasterfahrerin
um 6:00 Uhr morgens auf dem Deich
- als Haus und Hof-Nachtigall in einem Nightclub auf der Reeperbahn
- als Preisträgerin des Hamburger Kulturpreises "Musikerinnen
2000"
- als Studentin für Jazzgesang in Berlin an der HfM Hanns Eisler
- als Backgroud-Sängerin diverser Bands im Gladiatorenzirkus von
"Top of the pops", "The Dome" und dem "Grand
Prix"
- als Schauspielerin am Schauspielhaus Hannover
- als Produzentin und Komponistin für Theatermusik am Thalia Theater
Hamburg
- als Remixerin für Elekromusik und Soundeffekte.
Vielleicht haben
wir sie längst schon mal kennen gelernt und wissen es gar nicht.
Undercover, getarnt mit ihren verschiedenen Namen für unterschiedliche
Projekte. 2001 schmeißt sie alles hin. Steigt aus allen Bands aus.
"Ich war 24 Jahre alt und wusste einfach nicht mehr wer ich bin,
da habe ich mich auf die Suche begeben." Der Koffer für Island
ist gepackt.
Form
ohne Format
Wer das Format verlässt fällt auf eine leere Form zurück.
"Ich glaube, dass nur Persönlichkeit und Authentizität
diese Form füllen können. Vielleicht bin ich mit dieser Einstellung
auch eher eine Jazz- als eine Popmusikerin. Ich will entdecken was aus
mir raus kommt, wenn ich alleine und total frei bin. Gelöst von allen
Erwartungen und äußerem Druck." Die ersten Lieder entstehen.
"Ich habe in mich hinein gehorcht und mir erst mal einen Überblick
über das ganze Durcheinander da drin gemacht. So viele Gefühle
für die ich nie Zeit hatte lagen da auf Halde." So wurden es
Liebeslieder. Über Freundschaft, das Verliebt sein, Verlassen und
Verlassen werden, über die Heimat, die Natur. Klare Gefühle
schlicht und einfach verpackt.
Worte
aufladen bis sie platzen
"Warum haben so viele Menschen Angst das Ehrlichkeit peinlich sein
könnte? Wie stumpfsinnig! Worte können immer nur ein Gefängnis
für Inhalte sein, die einzige Chance sich mit ihnen zu verbünden
ist etwas zu sagen, das man aus tiefsten Herzen so meint. Bei meinem Song
"Ins Gesicht" beginnt der Refrain mit "Ich liebe Dich"
und es gab einige Leute, die meinten, das könne ich so nicht machen.
Das wäre zu ehrlich, zu persönlich und es würde mich angreifbar
machen. Ich verstehe nicht was das Problem sein soll. Für mich sind
meine Texte eines der stärksten und mutigsten Dinge, die ich je getan
habe."
...es
schlüpft!
Die Songs sind geschrieben. Welchen Sound soll sie bekommen? Anna hat
ihre eigenen Vorstellungen und produziert sich selbst. "Diese Entscheidung
hat sich für mich ganz natürlich von selbst ergeben. Ich steckte
sowieso schon mitten im Prozess und brauchte die Dinge einfach nur so
weiter laufen zu lassen wie bisher." Zuerst wurden alle Songs in
ein elektronisches, fast technoides Kleid gesteckt. "Ich war fasziniert
von der Kombination meiner Stimme mit synthetischen Loops. Ich habe mich
dann aber für die zärtlichere Variante entschieden, einen zeitlosen,
vollakustischen Sound." Sie stellte eine Band aus 5 Jazzmusikern
zusammen. "Mein Bassist ist übrigens früher der Sänger
der Band gewesen mit der ich als 10 jähriges Mädchen meinen
ersten Auftritt hatte. Wir kennen uns alle schon viele Jahre. Ich dachte
mir, wenn ich im Studio eine vertraute, warme Atmosphäre schaffe,
wird sich das vielleicht auf das Album übertragen. Wir haben uns
in einem Tonstudio im Wald eingerichtet, alle Computer ausgeschaltet und
zusammen in einem Raum auf Bandmaschine aufgenommen. Ganz klassisch, so
wie vor 30 Jahren. Dieser Weg ist einzigartig und sehr musikalisch. Meinen
Gesang habe ich dann alleine bei mir zuhause aufgenommen, am liebsten
unter der Bettdecke. Ich wollte für mich sein um mich wieder an all
die Situation zu erinnern in denen meine Lieder entstanden sind."
Die neun Songs haben teilweise so unterschiedliche Stimmungen, dass ich
drei kleine, instrumentale Interludes eingebaut habe. Entweder bereiten
sie ein nächstes Lied vor oder bringen ein vergangenes ganz zum Ausklingen."
Ein großer Bogen spannt sich bis hin zum Artwork der CD und den
Fotos. "Der schlüpfende Kokon ist das passende Symbol für
den Weg den ich gegangen bin. Die Isolation, die Entwicklung und nun das
auf die Welt kommen mit einem Album."
Ein
paar Fragen:
- Was hast
Du für Erwartungen an Dein Debüt-Album "Ins Gesicht"?
Meine Erwartungen, oder sagen wir lieber Hoffnungen haben sich eigentlich
schon längst erfüllt. Es ist ein fantastisches Gefühl sich
ohne irgendwelche Einschränkung von Plattenfirma oder Produzenten
selbst kreativ auszuleben. Dieses Album ist für mich inhaltlich so
aufgeladen und klanglich so vielschichtig geworden. Ich wünsche mir
sehr das andere Menschen meine Musik für sich entdecken, so als eine
Art persönliches Geschenk.
- Wann und
wo ist Dein Lied "Heimat" entstanden?
Der Song ist einfach am Klavier entstanden. Musik und Text gleichzeitig.
In einer Stunde war er da. Ich hatte einen dieser Tage erwischt, die so
wunderschön melancholisch sind, dass man es genießt, nur die
traurigsten Lieder der Welt zu hören. Ich habe mich dieser Stimmung
so tief verbunden gefühlt und mich gefragt wo das wohl herkommt.
Es war wie der innerlicher Heilungsprozess einer ganz alten Wunde. Da
habe ich nachgedacht und bin irgendwann bei meiner Heimat, meiner Herkunft
und der Bedeutung alledem gelandet.
- Wie würdest
Du einem tauben Menschen Deine Musik beschreiben?
Vielleicht wie Holz, oder wie Nudeln mit Tomatensoße, oder wie Handschuhe,
die man im Winter doch noch in der Tasche findet, wo man sich schon sicher
war, man hätte sie vergessen. Ich weiß nicht, vielleicht würde
ich ihn einfach zu einem Konzert einladen wo er sich dann selbst ohne
etwas zu hören einen Eindruck über mich, meine Band und das
Publikum machen kann.
- Hast Du
schon mal an einer Casting-Show teilgenommen?
Oh ja, 2001 und ich habe damals gewonnen! Eine Woche lang wurde das Spektakel
täglich auf Sat1 mitverfolgt.3500 Bewerber und 24 wurden ausgewählt.
Ich war mit dabei. Nur ging es dabei nicht ums Hüftenwackeln und
Playback singen, sondern um Steilwandklettern und körperliche Belastbarkeit.
Es wurden Kandidaten für eine Hightech-Online-Schnitzeljagt auf Island
gecastet. 4 Tage lang sind wir Fahrrad und Kanu gefahren, geritten und
durchs Moos gekrochen. Großartig war das und für mich die erste
Begegnung mit diesem Land. Von den "Superstars"-Shows halte
ich nix aber das wird bald allen so gehen.
Keine
Elfengeschichte: Ein paar Zeilen Tagebuch
Im Dezember
2001 geht die Reise los für mich und mein kleines Mobiltonstudio
mit seinen 25 Kg. Reykjavik zeigt sich von seiner besten Seite: 2 Meter
Schnee, 3 Stunden Tageslicht und in mir brodelt es lichterloh vor Freude.
Ich beziehe mein WG-Zimmer und schau mich um. Ein Land hält Winterschlaf
und seine Bewohner ziehen sich zurück und werden kreativ. So auch
ich. Zuerst will es der Zufall so, daß ich mich in dem renommierten
Thule-Tonstudio einrichten kann, dann tausche ich mich aus. Mit Musikern,
DJ´s, Programmierern, Produzenten. Wir lassen unsere Musik sprechen,
denn ich verstehe kein isländisch und sie kein deutsch. Egal. Die
Wochen vergehen. Jeder morgen beginnt in meinem Lieblingscafe an der einzigen
Hauptstraße der Stadt. Meistens sitze ich auf meinem Stammplatz
direkt am Fenster und oft neben Sigur Rós-Sänger Jón,
der wohl auch gerne am Fenster sitzt. Ich liebe die Gewohnheit, denn ohne
sie gäbe es kein Gewohnheiten brechen.
Und so finde
ich mich am 24.Dezember mit einem Leihwagen und meinem Schlafsack an einer
Steilküste in Islands Süden wieder. Ich habe eine Fackel dabei
und feiere dort das festlichste Weihnachtsfest meines Lebens. Für
diese Aktion habe ich dann von meinen isländischen Freunden ein paar
Tage später mächtig Ärger bekommen. Niemals sollte man
zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten nachts alleine bleiben. Es wäre
respektlos den Elfen und Trollen gegenüber sich ohne Erlaubnis einfach
in ihrem Gebiet breit zu machen. So mancher wäre nie mehr zurück
gekehrt und ich kann bis heute nicht sagen ob das isländischer Humor
sein sollte. Also kennen gelernt habe ich sie nicht diese elfenhaften
Feenwesen von denen immer alle reden. Transparente Lichtgestalten mit
mystischer Aura, engelhafter Stimme und medienwirksamen Sexappeal. Aber
wenn es sie wirklich gibt, dann traue ich ihnen weit mehr zu als nur das!
Ich denke mit einem Wimpernschlag zerstören sie alle Illusionen und
öffnen Dein Herz ob Du es erträgst oder nicht.
Ein neues Jahr
beginnt und ich verbringe die Tage im Studio, oder einfach mit Land und
Leuten. Ich treffe Björk. Im Cafe, auf einer Party, in der Videothek.
Sie sagt: "Die Sonne im Innern scheint immer, auch wenn es draußen
kalt und dunkel ist." Ich weiß was sie meint. Eine tolle Frau.
Meine musikalischen Skizzen verdichten sich... Island macht Mut und ist
Mutprobe zugleich.
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CD
Cover: |