|
Neulich erst hat sich ein Kameramann vom NDR in sie verliebt. Als Regy
Clasen für den Kollegen Stefan Gwildis im dreiköpfigen Background-Chor
sang und das Konzert im TV übertragen wurde, da war nicht immer klar,
ob nun Norddeutschlands Soulman oder eben diese blonde Sängerin die
Attraktion des Abends war. Die zwei anderen Sängerinnen, auch sehr
hübsch, auch gut bei Stimme, waren fast nie im Bild. „Ich habe
halt, sorry, eine Fernsehfresse“, sagt Regy und lächelt dabei
so frühlingsfrisch ins Abenddunkel, dass das hässliche Wort
auf einmal richtig nett klingt. Widerspruch jedenfalls wäre zwecklos.
Die Kämpferin
entdeckt man dann erst auf den zweiten Blick. Und beim Blick in ihre Biographie.
Da wird auch eine Ahnung zur Gewissheit: Doch, tatsächlich, der Name
ist nicht unbekannt, den hat man schon gehört. Da war mal was, und
zwar ein Album, und zwar ein ziemlich schönes. „So nah“
hieß das Werk und wurde im Jahre 2000 in die Regale gestellt und
aus diesen auch beileibe nicht schlecht verkauft. Nur ihrer Plattenfirma,
einem Major aus Berlin, war nach dem Sprint der lange Atem ausgegangen,
und so wurde Regy mit der Option auf ein zweites Album hingehalten und
schließlich ohne jenes Album kurz verabschiedet. Zum Glück,
und zwar unserem wie dem ihren, durfte sie die schon geschriebenen Songs
mitnehmen.
Sie stellen
nun die gute Hälfte von Regy Clasens zweitem Album „Wie tief
ist das Wasser“. Ansonsten aber war diesmal alles neu für die
Hamburgerin, und wenn sie Rückschau auf ein paar aufregende Monate
hält, dann wird darüber schon mal der Milchkaffee kalt. „Ich
habe zum ersten Mal die volle Verantwortung getragen“, sagt Regy,
„da saß einfach keiner, der weiß, wie man eine GEMA-Anmeldung
macht.“ Das war beim Major anders und gar nicht mal so unbequem
gewesen. „Aber wenn man sich in Eigenregie an so ein Album wagt“,
vermutlich kann Regy Clasen gar nicht anders als optimistisch in die Welt
gucken, „geht auch musikalisch alles durch dein Herz. Das Ganze
ist jetzt absolut mein Album, jeder Pieps ist da, wo ich ihn wollte. Auch
wenn meine Kollegen die Noten spielen, habe ich sie aber ausgesucht.“
Das war beim Major anders und ziemlich unbequem gewesen. Trotzdem hat
Regy nie den Kopf in den Sand gesteckt, denn im Grunde habe sie es ja
geahnt, wenn nicht sogar gewusst: „Das erste Album hat ein paar
tausend Leute hinterlassen, die sich an mich erinnern. Jetzt verfolg ich
meinen eigenen Weg, und es geht aufwärts. Wohin sonst?“ Schon
damals hatte ein gewisser Sting Stimme und Songs seiner jungen Kollegin
gerühmt, aber ob man das immer wieder sagen solle, weiß Regy
nicht so recht. Dabei hätte Sting heute noch mehr Grund zum Staunen.
Der Weg vom
ersten zum zweiten Album der 32-Jährigen nämlich könnte
als launige Erzählung ein kleines Büchlein füllen. Anfangs
hatte Regy Clasen ja noch mit dem Gedanken gespielt, den verlorenen Major-Deal
gegen einen feinen Vertrag bei einem kleinen Indie-Label zu ersetzen.
„Bis ich mir mal überlegte, was von dessen Arbeit ich nicht
selbst machen kann. Ich habe clevere Mitstreiter und auch selber jede
Menge Ideen, also lautete die Antwort: nichts.“ Eine dieser Ideen
finden wir jetzt beim Auspacken des neuen Albums. Ihm liegt ein CD-Rohling
mit Zugangs-Code bei, mit dem der Fan sich auf Regys Website alle 14 Songs
nochmals herunterladen kann – als Live-Versionen eines Konzertes
in der Hamburger „Baderanstalt“. Wieder so eine
Idee, auf die kein Major käme. Und dass es da draußen ein Publikum
für ihre Songs in deutscher Sprache, für viel Herz und Hintersinn
zwischen R'n'B und akustischem Songwriter-Material geben würde, „da
konnte ich mir eigentlich sicher sein. Ich muss nur in mein virtuelles
Gästebuch schauen, oder in die Gesichter der Menschen, wenn ich Michy
Reincke oder Stefan Gwildis auf der Bühne begleite. Die Leute hören
zu, das ist schließlich ihre Sprache. In den Medien spiegelt sich
das ja leider noch nicht so wieder, aber ich habe Hoffnung.“
Die konnte Regy Clasen auch unmöglich verlassen, denn die weiteren
Schritte bis zu „Wie tief ist das Wasser“ sind, gelinde gesagt,
eine wahre Glücksträhne zu nennen. „Mir war ein guter
Freundes- und Kollegenkreis immer wichtig, und außerdem sind die
Zeiten auch gerade so, dass man sich an die Vorteile eines schönen
Miteinander erinnert. Für mich begann es damit, dass Michy Reincke
mein Album auf seinem Label Rintintin herausbringen wollte. Ein Riesengefallen.“
Und nicht der letzte. Die Kollegin Doris Decker stellte Regy ihr Gartenhäuschen
für Tonaufnahmen zur Verfügung, die Streicher konnten bei Peter
Hinderthür von den Cultured Pearls eingespielt werden, „den
Gesang nahmen wir in einem kleinen Heidedorf mit dem schönen Namen
Vögelsen im Studio von Peter Hoffmann – nicht Hofmann! –
auf, bei dem ich noch einen gut hatte“ Und zu allem Überfluss
blieb auch die Suche nach jenem raren, alten AKG-Mikrofon, mit dem Regy
ihre ersten Lieder eingesungen hatte, nicht erfolglos, „ich kriegte
das unbezahlbar teure Ding einfach so geliehen. Ganz ehrlich: Ich habe
unheimlich Schwein gehabt, und die Dankesliste im Booklet wird garantiert
ellenlang.“
Die Liste ihrer Fans ist garantiert auch noch längst nicht zu Ende
geschrieben. Mit „Wie tief ist das Wasser“ ist dem Glückskind
Regy Clasen ein schöner Wurf vorbei an allen Klischees und Irrwegen
deutscher Popmusik gelungen. Die Songs sind klug arrangiert, ihre Texte
brauchen keine Posen und sind lieber melancholisch als sentimental, die
Mit-Produzenten Martin Meyer und Tristan Ladwein lassen dem Hörer
Raum für eigene Fantasien. Und Regys wundervolle Stimme steht diesmal
eben so weit im Vordergrund, wie das solch einer Stimme gebührt.
Mehr soll hier gar nicht gesagt werden. Es gibt ja ein Album und keine
Zeit zu verlieren. Ein paar Grüße noch an den besagten Kameramann.
Wir verstehen ihn nur zu gut.
|
CD
Cover: |