Céline Moinet
Eine Reise ins barocke Paris
Es gibt Momente in der Musikgeschichte, die so flüchtig sind wie ein Atemzug – und doch nachhallen über Jahrhunderte. Einer davon ereignete sich im Frühjahr 1735 in Paris, als der Turiner Oboist Alessandro Besozzi die Bühne betrat, das Publikum begeisterte und dafür ein exorbitantes Honorar erhielt. Und dennoch: Paris blieb der Oboe gegenüber kühl und konnte sich nicht so recht für sie als Soloinstrument erwärmen.
Die französische Oboistin Céline Moinet kennt diese Geschichte – und nimmt sie zum Ausgangspunkt ihres fünften Albums. Concert Pour Paris erscheint am 23. Oktober 2026 bei Berlin Classics und führt gewissermaßen in jene Stadt zurück, die dem Oboenkonzert einst die kalte Schulter zeigte.
Die international gefragte Oboistin hat sich für ihre außergewöhnliche musikalische Reise das Folkwang Kammerorchester Essen unter der Leitung des renommierten Barockspezialisten Reinhard Goebel an die Seite geholt. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe – zwischen einer Solistin, deren Ton mit samtiger Präzision und stilistischer Klarheit besticht, und einem Ensemble, das für seine historisch informierte Spielweise und seinen klaren, lebendigen Klang bekannt ist.
Das Programm ist alles andere als ein Streifzug durch übliches Barockrepertoire. Vielmehr öffnet Moinet eine Tür zu einem selten erkundeten Kosmos: Oboenkonzerte aus verschiedenen europäischen Traditionen, verbunden durch das gemeinsame Streben nach klanglicher Vollkommenheit. Alessandro Besozzis Konzert Concert pour Paris in G-Dur – das der Aufnahme ihren Titel leiht – steht am Beginn dieser Reise. Sein Sohn Carlo, dessen Oboenkunst Leopold Mozart 1778 zu schwärmerischen Worten verleitete, ist mit seinem Konzert Nr. 6 in B-Dur vertreten. „Er hat alles!“, schrieb Mozart senior, und tatsächlich scheint in diesen Noten jene unfassbare Atemkontrolle, jene messa di voce, aufbewahrt zu sein, die Zeitgenossen in Staunen versetzte.
Das eigentliche Herzstück der Aufnahme jedoch ist das Konzert C-Dur op. 7 Nr. 3 von Jean-Marie Leclair – ein Werk, das in seiner kompositorischen Qualität lange unterschätzt wurde, dabei aber zu den wenigen international konkurrenzfähigen Bläserkonzerten des französischen 18. Jahrhunderts zählt. Leclair, selbst ein Mann der Grenzen und des Austauschs, durch italienische wie französische Einflüsse geprägt, ist der ideale Mittelpunkt eines pan-europäischen Programms. Moinet gestaltet es mit jener Sorgfalt, die dem Komponisten selbst am Herzen lag: Er notierte akribisch sämtliche Ornamente, um sein Werk vor stümperhafter Verunstaltung zu schützen. In Moinets Interpretation gewinnt diese Akribie Klang – die Ornamente wirken nicht gesetzt, sondern geatmet.
Zwei Konzerte von Franz Xaver Richter, dem mährischen Kapellmeister des Straßburger Doms, vervollständigen das Programm. Richters Konzerte schaffen Raum und Kontrast: Das opulente F-Dur-Konzert mit seinen wuchtigen Ritornellen und das kammermusikalisch zarte Concerto da Camera in g-Moll öffnen das Album nach beiden Seiten – nach innen wie nach außen.
Concert Pour Paris bringt ans Licht, was Jahrhunderte im Schatten lag: ein Repertoire von bemerkenswerter Vielfalt und Qualität, das die Oboe als das zeigt, was sie ist – ein Instrument von unerschöpflichem Ausdrucksvermögen. Céline Moinet führt dieses Plädoyer mit einer Technik, die nie Selbstzweck ist, und einem stilistischen Gespür, das barocke Traditionen nicht nur kennerhaft unterscheidet, sondern mit pulsierendem Leben füllt.
Alessandro Besozzi gelang es 1735 nicht, Paris für die Oboe zu gewinnen – Céline Moinet bezaubert 2026 nachhaltig mit diesem Album.












