Estelle Revaz
Zwischen Barock und Parlament: Estelle Revaz tanzt sich durch die Jahrhunderte
Mit „Bach to Groove“, ihrem neuen Album beim Label Solo Musica (Veröffentlichung: 20.11.2026), unternimmt die Schweizer Cellistin Estelle Revaz eine Reise, die auf den ersten Blick eine musikalische ist: von Johann Sebastian Bachs Suite Nr. 2 über Gaspar Cassadós Suite für Cello solo bis zu Fabrice Bollons zeitgenössischer Popsuite. Auf den zweiten Blick aber erzählt das Programm etwas Grundsätzlicheres – nämlich, wie Musik und Tanz seit mehr als drei Jahrhunderten soziale Räume schafft, in denen Generationen und Schichten sich begegnen, aneinander reiben oder verschmelzen. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diese Cellistin dieses Programm aufnimmt.
Drei Tanzsäle, drei Gesellschaftsmodelle
Der erste Raum, den Estelle Revaz betritt, ist der güldene Spiegelsaal der Belle Danse. In Bachs Suite Nr. 2 folgt jede Bewegung – Allemande, Courante, Sarabande, Menuett, Gigue – einem genau festgelegten Regelwerk. Es ist die Musik einer Ordnung, in der Etikette und Schicklichkeit die Sprache des Miteinanders bestimmen. Das Cello wird hier, wie Revaz es selbst beschreibt, zur „unangefochtenen Königin der Bewegung“ – kontrolliert, aber niemals kalt.
Von dort führt Gaspar Cassadós Suite auf die Straßen Kataloniens. Volkstanz statt Hofprotokoll, Leidenschaft statt Etikette: Der Bogen entflammt, die Musik wird zum ausgelassenen Fest der Spontaneität, an dem alle teilnehmen dürfen. Gesellschaft entsteht hier nicht durch Regeln, sondern durch gemeinsamen Schwung.
Den Schlusspunkt setzt Fabrice Bollons Popsuite – urban, groovig, respektlos gegenüber klassischen Genregrenzen. Jazzrock trifft auf Reggae, Reggae auf Hardrock. Es ist die Musik einer Gegenwart, in der sich Generationen ihre eigenen Begegnungsräume schaffen und Stile munter kreuzen. Drei Werke, drei Choreografien des Zusammenlebens – vom höfischen Reglement über das Volksfest bis zur urbanen Selbstermächtigung.
Estelle Revaz trägt ihr Engagement für die Kultur von der Bühne direkt ins Schweizer Parlament.
Dass Estelle Revaz ein Programm über gesellschaftliches Zusammenleben und dessen musikalische Ausdrucksformen aufnimmt, ist mehr als eine kluge Konzeptidee. Es ist die logische Fortsetzung eines Lebens, das sich seit einigen Jahren zwischen Konzertbühne und Bundeshaus abspielt. Seit 2023 sitzt Revaz im Schweizer Nationalrat – wo sie als erste Abgeordnete in der Geschichte „professionelle Künstlerin“ als Beruf angibt. Ein Detail, das viel über das politische System, aber auch über Revaz selbst verrät: Sie hat sich nicht zwischen Bühne und Parlament entschieden, sondern beide zu einem gemeinsamen Wirkungsfeld gemacht.
Diese doppelte Existenz ist kein Widerspruch, sondern folgt einer inneren Logik. Schon während der Covid-19-Pandemie hatte sich Revaz unermüdlich für die Anliegen von Kulturschaffenden eingesetzt, deren Existenzen über Nacht infrage gestellt wurden. Aus diesem Engagement erwuchs der Schritt in die Politik – und mit ihm die Möglichkeit, sich nicht mehr nur für die eigene Kunst, sondern für das kulturelle und soziale Leben eines ganzen Landes einzusetzen. Heute steht sie zusätzlich an der Spitze von Suisseculture, dem Dachverband der Schweizer Kulturschaffenden, und bringt die Perspektive der Bühne dorthin.
Wer „Bach to Groove“ hört, erkennt darin also auch eine politische Dimension – nicht plakativ, sondern eingeschrieben in die Werkauswahl selbst. Wenn Revaz von der höfischen Etikette des 18. Jahrhunderts über das gemeinschaftliche Fest bis zur durchmischten Gegenwart führt, beschreibt sie damit auch die Frage, die sie als Musikerin und Politikerin tagtäglich umtreibt: Wie wollen wir zusammenleben, und welchen Platz hat die Kultur in diesem Zusammenleben? Ihr Cello gibt darauf keine parlamentarische, aber eine zutiefst menschliche Antwort.
Estelle Revaz war nie eine Künstlerin, die ausgetretene Pfade sucht. Ihre bisherige Diskografie – von „Bach & Friends“ über „Cantique“ und „Journey to Geneva“ bis zu „Fugato“ und der Capriccios von Dall‘Abaco – zeugt von einer Neugier, die Tradition und Moderne, Schweizer Repertoire und unerwartete Bezüge gleichermaßen ernst nimmt. In ihrer Autobiografie „La Saltimbanque“ hat sie zudem offen über die Schattenseiten eines Künstlerlebens geschrieben, das sie seit Kindertagen kennt – ein Text voller Hoffnung, aber ohne Beschönigung.
Diese Ehrlichkeit, gepaart mit einem klaren gesellschaftlichen Anliegen, macht „Bach to Groove“ zu mehr als einem weiteren Cello-Album. Es ist die Klangwerdung einer Haltung: dass Kultur Menschen zusammenbringt, seit Jahrhunderten schon, und dass es sich lohnt, dafür auch außerhalb des Konzertsaals einzustehen. Gespielt auf einem Cello von Giovanni Grancino aus dem Jahr 1679, mit einem Bogen von Jacob Eury aus dem Jahr 1825, führt Estelle Revaz drei Jahrhunderte Tanzgeschichte zusammen – und erinnert uns daran, dass die Frage nach dem guten Zusammenleben so alt ist wie die Musik selbst, und so aktuell wie die Debatten von heute.
Social
Live
21.10.2026 | Vitznau
Duo Cello-Klavier
www.derherbst.ch
25.10.2026 | Laufenburg
Bach to Groove.
www.laufenburg.ch
07.11.2026 | Thun
Rezital Cello-Violine
www.um4.ch
21.11.2026 | Muri
Rezital Cello-Klavier
www.muri-classics.ch
03.12.2026 | Langnau
Rezital Cello-Klavier
www.konzertverein-langnau.ch
04.12.2026 | Lengnau BE
Rezital Cello-Harfe
www.k2543.ch
08.12.2026 | Uri
Cello-Tanz
www.theater-uri.ch









