Asya Fateyeva / Eckart Runge / Andreas Borregaard
MANCHE TRÄUME WÄHREN LANG – UND MANCHMAL ERKLINGEN SIE NEU
Manche Träume währen lang – und manchmal begleitet einen ein Werk ein halbes Leben, ohne dass man es je selbst spielt. Für Asya Fateyeva, Eckart Runge und Andreas Borregaard waren Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen immer ein solcher Fixstern. Ein Stück, das sie liebten, bewunderten, hörten – das aber scheinbar außer Reichweite lag. Denn keiner von ihnen spielt das dafür geschaffene Instrument. Bach hatte die Variationen für ein zweimanualiges Cembalo komponiert, später wurden sie zur pianistischen Königsdisziplin. Doch wie sollte dieses polyphone Monument auf Saxophon, Cello oder Akkordeon möglich sein, Instrumenten, die teils erst lange nach Bachs Tod überhaupt erfunden wurden?
Und dennoch begann irgendwann der Gedanke, dieses vermeintliche Unmögliche zu versuchen. Die Erinnerung verschwimmt – um das Jahr 2017, vielleicht etwas davor, vielleicht etwas danach, jedenfalls präpandemisch – stellte Eckart Runge die Besetzung zusammen. Damals noch Mitglied des Artemis Quartetts, hatte er Asya Fateyeva und Andreas Borregaard unabhängig voneinander kennengelernt und spürte sofort, dass hier etwas Besonderes entstehen könnte. Borregaard hatte die Goldberg-Variationen gerade solistisch aufgenommen, Fateyeva liebte das Werk seit Jahren, hatte es aber stets nur aus Konzertsälen, von CDs oder aus geöffneten Türen anderer Räume gehört. Diese neue Aufnahme gab schließlich den entscheidenden Impuls. Jetzt oder nie.
Was folgte, war ein Abenteuer des Neu-Denkens. Die drei Musiker näherten sich dem Werk mit großem Respekt – aber auch mit Neugier und Lust am Experiment. Bachs Architektur ist so klar wie streng: aus der sarabandenhaften Aria entfalten sich dreißig Variationen, gruppiert in Dreierschritten, deren letzte jeweils ein Kanon bildet, während die mittleren freier tanzen, improvisieren, träumen. Jahrhunderte von Musikwissenschaftlerinnen und Analysten haben sich in diesem Geflecht verloren und immer neue Strukturen, Symmetrien und Zahlenspiele entdeckt. Fateyeva, Runge und Borregaard beschlossen, nicht diese äußere Perfektion zu imitieren, sondern ihre innere Logik in einem neuen Klangraum sichtbar zu machen.
Gerade die Vielfalt ihrer Instrumente wurde plötzlich zum Vorteil. Wo homogene Ensembles wie Streichtrios leicht Gefahr laufen, dass sich Stimmen klanglich überlagern, zeichnen Saxophon, Cello und Akkordeon die Linien mit natürlicher Deutlichkeit nach. Runge spricht von einer „Durchhörbarkeit“, die wie ein Geschenk sei. Und doch war damit nichts automatisch gelöst. Das Trio arbeitete jahrelang an der Umsetzung, probierte, verwarf, änderte, legte neu fest. Sie entschieden sich bewusst gegen ein stures Verteilungssystem – Sopran hier, Mittelstimme dort, Bass unten –, sondern verstanden die Stimmen als lebendige Rollen, die wandern dürfen. Mal singt das Akkordeon die Melodie, mal das Saxophon. Meistens führt das Cello den Bass, dann wieder fügt es sich in die Mittelstimme ein oder mischt sich mit einem witzigen chromatischen Einwurf ein.
Ein besonderer Moment entsteht in der großen 25. Variation, der „schwarzen Perle“. Hier greift Asya Fateyeva zum Altsaxophon und verleiht der Mittelstimme ein warmes, fast leuchtendes Timbre. Diese Variation, oft als emotionaler Kern des gesamten Zyklus empfunden, dehnt die Zeit in einem getragenen g-Moll – ein Augenblick, der sich der Außenwelt entzieht.
Die drei bleiben konsequent in Bachs originalen Tonarten und treffen auch bei den Wiederholungen eine für sie ganz natürliche Entscheidung: Sie folgen dem musikalischen Flow. Manchmal wollen sie etwas noch einmal hören, manchmal drängt die Musik weiter. In jedem Wiederholungsfall verändert sich etwas – kleine Verschiebungen, neue Farben, andere Intensitäten. Überhaupt ist ihnen bewusst, dass „Originalität“ immer relativ bleibt: kein modernes Instrument klingt wie ein barockes, kein heutiger Raum wie ein damaliger, und kein Ohr im Jahr 2026 wie im Jahr 1741.
Über die Jahre ist dieses Projekt mehr geworden als ein Arrangement. Es wurde zu einer Lebensphase. „Wir haben mit den Goldberg-Variationen regelrecht zusammengelebt“, sagt Eckart Runge. Im tiefen Arbeiten, im Fragen nach jedem Intervall, jedem Triller, jedem Ton hat nicht nur die Musik ihr Gesicht verändert – auch die drei selbst sind gewachsen, zusammengewachsen, in ihrer künstlerischen und menschlichen Beziehung. Was als schwierige, fast wahnwitzige Idee begann, ist zu einem Werk geworden, das nicht nachahmt, sondern neu erzählt.
Und so erscheinen die Goldberg-Variationen in dieser Besetzung wie vertraute Landschaften in ungewohntem Licht. Altbekannt und doch nie zuvor so gehört. Ein endloser Prozess, wie Asya Fateyeva sagt – einer, der nicht aufhört, sobald die Aufnahme beendet ist, sondern weiterwirkt. Denn manche musikalischen Träume währen eben nicht nur lang. Manchmal erfüllen sie sich – und beginnen damit erst richtig zu leuchten.









