Doric String Quartet
Drei Schaffensperioden von Beethoven
Es gibt Aufnahmeprojekte, die man nicht einfach hört, sondern denen man beim Wachsen zusieht. Das Doric String Quartet ist seit einigen Jahren auf einer großen Reise: der Einspielung sämtlicher Streichquartette Ludwig van Beethovens. Der erste Teil erschien 2023 und wurde von der Times schlicht als „a joy“ gefeiert; nun, pünktlich vor dem 200. Todestag Beethovens in der Saison 2026/27, liegt mit diesem dritten Doppelalbum ein weiterer, besonders faszinierender Wegabschnitt vor.
Das Besondere an dieser Folge: Sie führt uns durch alle drei Schaffensperioden Beethovens – früh, mittel, spät – und versammelt dabei gerade jene Werke, in denen der Komponist die jeweilige Phase bereits hinter sich zu lassen beginnt. Wer diesen beiden CDs folgt, hört nicht nur fünf Meisterwerke, sondern erlebt, wie ein Künstler eine Gattung Stück für Stück neu erfindet.
Erste CD: Vom Tasten zum Triumph
Streichquartett D-Dur, op. 18 Nr. 3 (1798–1800)
Beethoven näherte sich dem Streichquartett mit auffälligem Respekt. Jahre studierte er die Quartette Haydns und Mozarts, kopierte sie eigenhändig, bevor er sich selbst an die Gattung wagte. Das D-Dur-Quartett ist – obwohl als drittes nummeriert – das tatsächlich zuerst vollendete Werk des Zyklus op. 18 und atmet eine zurückhaltende, fast scheue Schönheit. Jeder der vier Sätze beginnt im Piano, und das Stück verteilt seine Themen mit großer Höflichkeit unter allen vier Stimmen. Schon der weit gespannte Septsprung der ersten Violine zu Beginn wandert durch das ganze Ensemble – ein feines Spiel der Imitation, das den Ton für ein bemerkenswert flinkes, leichtfüßiges Quartett angibt.
Streichquartett C-Dur, op. 59 Nr. 3 (1806)
Acht Jahre später ist aus dem vorsichtigen Tastenden ein souveräner Meister geworden. Die drei Razumovsky-Quartette entstanden 1806, in einem geradezu überbordenden Schaffensjahr, das auch das Vierte Klavierkonzert, die Vierte Sinfonie und das Violinkonzert hervorbrachte. Das C-Dur-Quartett stand lange im Schatten seiner gewichtigeren Geschwister – doch gerade darin liegt sein Reiz. Es beginnt mit einem Paukenschlag der anderen Art: einem schroffen, lauten verminderten Septakkord, der sich erst in der letzten Takten der Einleitung auflöst, wenn die Bratsche um einen Halbton hinabgleitet. Im zweiten Satz zupft das Cello fast durchgehend pizzicato, als sei ein Riss durch das Ensemble gegangen – ein irritierend moderner Effekt. Und am Ende? Eine mitreißende Fuge, die an die große Tradition der Quartettfinali von Haydn und Mozart anknüpft und das Werk in jubelnde Bewegung versetzt.
Streichquartett Es-Dur, op. 74 (1809) – „Harfenquartett“
Den Beinamen „Harfe“ verdankt dieses Quartett den charakteristischen Pizzicato-Arpeggien, die wie gezupfte Saiten durch den Kopfsatz perlen und sich gegen Ende der Durchführung zu immer schnelleren Figuren steigern. Nach einer in sich gekehrten, die Tonart zunächst verschleiernden Einleitung entfaltet sich ein Werk von großer Spannweite: ein gesangvolles Adagio, ein Scherzo, das unüberhörbar das berühmte „kurz-kurz-kurz-lang“-Motiv der Fünften Sinfonie zitiert – vielleicht ein Gruß an den Widmungsträger, Fürst Lobkowitz –, und ein Finale aus Thema und Variationen, das sich von Variation zu Variation beschleunigt, ehe es überraschend leise verklingt.
Zweite CD: Der Blick in die Tiefe
Die zweite CD führt mitten hinein in Beethovens letzte, visionäre Schaffensperiode – jene späten Quartette, die ihren Ursprung einer Bestellung des jungen russischen Fürsten Nikolaus Galitzin verdanken, eines begeisterten Cellisten, der den über das Werk hinausweisenden Spätstil Beethovens überhaupt erst in Gang setzte.
Streichquartett a-Moll, op. 132 (1825)
Im Zentrum dieses Quartetts steht eines der ergreifendsten Stücke Musik, die Beethoven je geschrieben hat: der Heilige Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart. Nach einer schweren Krankheit setzte Beethoven seiner Dankbarkeit ein klingendes Denkmal – choralhafte Passagen wechseln mit Episoden, in denen er, wie er selbst notierte, „neue Kraft“ fühlt. Eingebettet ist dieser religiöse Mittelpunkt in ein fünfsätziges Gebilde, das von düsterer Spannung bis zur finalen Erlösung reicht: Im abschließenden Allegro appassionato treibt Beethoven das Tempo schließlich ins Presto, gibt dem Cello in höchster Lage die Melodie und wendet a-Moll nach A-Dur – aller Schmerz löst sich auf in Licht.
Streichquartett F-Dur, op. 135 (1826)
Beethovens letztes vollendetes Quartett ist das kürzeste, durchsichtigste und zugänglichste der späten Werke – und doch zutiefst „spät“ in seiner Klugheit und seinem Humor. Berühmt ist sein Finale: Über die langsame Einleitung schrieb Beethoven die rätselhaften Worte „Muß es sein? … Es muß sein!“ und gab ihr den Untertitel Der schwer gefaßte Entschluß. Man hat viel hineingedeutet – doch im Kern ist es ein meisterhaftes Spiel mit Motiven: Eine fragende, beunruhigende Wendung verwandelt sich in eine zustimmende, tröstliche. Es ist, als wolle Beethoven am Ende seines unermesslichen Schaffens den letzten Moment so lange wie möglich hinauszögern, ehe die zauberhafte Coda das Werk – und mit ihm ein ganzes Komponistenleben – beschließt.
Das Doric String Quartet
Mit „leuchtender Klangschönheit“ (Daily Telegraph) und einer Tiefe und Integrität der Interpretation, die ihm weltweit Bewunderer eingebracht hat, verbindet das Doric String Quartet – Maia Cabeza und Ying Xue (Violine), Emma Wernig (Viola) und John Myerscough (Cello) – Eleganz und Intimität, wenn es sich dem klassischen Kanon wie der neuen Musik widmet. Nach gefeierten Zyklen mit Werken von Haydn, Mendelssohn und Bartók in Häusern wie dem Amsterdamer Concertgebouw, dem Wiener Konzerthaus und der Hamburger Elbphilharmonie haben sich die vier nun Beethoven zugewandt. Seit 2010 exklusiv bei Chandos, umfasst ihre Diskografie über 20 Aufnahmen von Purcell bis John Adams.






