Arnold Kasar
In meinem Garten
Es gibt Musik, die man macht, um gehört zu werden – und Musik, die man macht, weil man jemandem helfen will. „Goodbye Ghosts“, das neue Album von Arnold Kasar, gehört zur zweiten Sorte. Der Auslöser war denkbar persönlich: Ein Mensch, der dem Komponisten sehr nahesteht, wurde krank. Kasar, der als musikalischer Tausendsassa zwischen Elektro-Jazz, Songwriting und Klavierklang zu Hause ist, nutzte das einzige Werkzeug, das er wirklich beherrscht, um beizustehen: die Musik.
Diese Fähigkeit ist kein Zufall, sondern gewachsen über Jahrzehnte: Der aus dem Südschwarzwald stammende, gelernte Sound-Ingenieur lebte lange in Berlin, wo er sich einen Ruf als vielseitiger Klangtüftler erarbeitete. Er wirkte in unzähligen Projekten mit – von seinen Elektro-Jazz-Arbeiten mit Lisa Bassenge und ihren Bands Nylon und Micatone über seine Rolle als Co-Autor und musikalischer Leiter des Allround-Performers Friedrich Liechtenstein (bekannt durch „Supergeil“) bis hin zu seiner vielbeachteten Zusammenarbeit mit Joachim Roedelius auf dem Album „Einfluss“. Doch Kasar kann auch ganz allein: 2012 legte er mit „The Piano Has Been Smoking“ sein Solo-Debüt vor, auf dem er die von John Cage begründete Technik des präparierten Klaviers nutzte – mit Radiergummis, Teebeuteln und Flicken entlockte er dem Instrument völlig neue Klangfarben. Es folgten „Inside Devils Kitchen“ (2016), „Resonanz“ (2019), „My Favorite Colours“ (2023), „Zensibility“ (ebenfalls 2023) und „Spring Songs“ im Jahr 2025. Kasar ist ein Rastloser, der sich nie ganz in eine Schublade wie „Neo-Klassik“ einsortieren lässt – er zieht immer weiter.
Inzwischen hat er der Stadt den Rücken gekehrt und lebt vor den Toren Berlins auf dem Land in Brandenburg – umgeben von seinem eigenen Kräutergarten, den er mit wachsendem Wissen und großer Begeisterung angelegt hat. Genau diese Umgebung wurde zum Ausgangspunkt für „Goodbye Ghosts“.
Für das Album ließ sich Kasar von der musiktherapeutischen Methode „Guided Imagery“ inspirieren – bei der Musik innere Bilder wachruft, die beim Loslassen von Sorgen oder Ängsten helfen können. So entstanden zwölf Klavierstücke in der stillen Übergangszeit zwischen Winter und Frühling. Kasar präparierte sein Klavier diesmal mit Filz, verzichtete bewusst auf Hochglanz und Bühnensound. Es sollte klingen, als stünde das Instrument direkt im eigenen Wohnzimmer – ein vertrauter Klang zum Zurückziehen, nicht die große Geste für ein Konzerthaus.
Die zwölf Stücke des Albums bilden einen Jahreskreis, jedes trägt einen Monat und eine Heilpflanze aus seinem Garten als Paten.
Das Jahr beginnt im Januar mit dem Titelstück „Goodbye Ghosts“, dem Johanniskraut zugeordnet – jener Pflanze, die traditionell gegen trübe Stimmung hilft und erst nach Wochen ihre volle Wirkung zeigt, ganz so, wie auch Heilung selten über Nacht geschieht. Im Februar folgt „Violet“ mit der Malve, deren Blüten den Tee in sanftes Blau-Violett tauchen, reizlindernd und beruhigend. Der März bringt „Peace of Mind“ und die Goldrute, die man traditionell bei Nieren- und Blasenleiden einsetzt – ein Stück, das mit nur 89 Sekunden das kürzeste des Albums ist, aber seinem Titel alle Ehre macht.
Im April steht die Kamille Pate für „Stardust“ – eine der bekanntesten Heilpflanzen überhaupt, deren Dampf Kasar selbst gerne inhaliert, wenn er erkältet ist. Der Mai gehört der Sonnenblume und dem Stück „Sunflowers“: ein Bild, das Kasar unmittelbar mit den Sonnenblumenfeldern Brandenburgs verbindet, die er von seinem neuen Zuhause aus sieht. Im Juni erinnert „Roses“, verbunden mit der Hagebutte, an eine Kindheitserinnerung – das vitaminreiche Getränk, das er als Junge liebte.
Der Sommer setzt sich fort mit „Up and Down the Hills“ im Juli, gewidmet der Lindenblüte, deren Honig Kasar besonders schätzt und deren Tee beruhigend bei Husten wirkt. Im August folgt „Pines“ mit der Zitronenmelisse, die Magen und Nerven beruhigt und als kühles Sommergetränk ihren Platz findet. Und dann, im September, erreicht der Zyklus mit „Waltz For Ella“ und dem Salbei einen seiner emotionalsten Punkte: die Single zum Albumrelease, gewidmet jenem Kraut, das im kühler werdenden Herbst als bester Schutz für Hals und Rachen gilt.
Der Oktober bringt mit „Bread And Butter“ den Lavendel ins Spiel – gegen Schlafstörungen und Ängste, wohltuend für angespannte Muskeln. Im November lässt „Watch The Cat“ das Weinlaub aufleuchten, dessen bunte Herbstfarben allein schon die Stimmung heben. Und den Kreis schließt im Dezember „Turnaround“ mit der Mistel, die traditionell mit Weihnachten verbunden ist und nach dem Laubfall an den kahlen Bäumen sichtbar wird – ein Symbol für Wandel und Neuanfang, das dem Album seinen Titel schenkt.
So entsteht ein Werk, das nicht als Konzept konstruiert wirkt, sondern als gelebte Erfahrung: Jedes Stück trägt eine Jahreszeit, ein Gefühl und eine Pflanze in sich, die Kasar in seinem Garten selbst zieht, pflegt und versteht. Dabei geht es ihm nicht um Esoterik, sondern um etwas sehr Konkretes: Musik, die einfach da sein darf, ohne etwas zu fordern. Er selbst sagt, es gehe nicht um seine Performance als Künstler, sondern darum, der hörenden Person in einem Moment etwas zu geben, das ihrem inneren Frieden dient. Wenn man sich danach nur ein kleines bisschen leichter fühlt, ist für ihn alles erreicht, was dieses Album sich wünscht.
„Goodbye Ghosts“ ist damit kein lautes Statement, sondern eine leise Geste – zwölf Klavierstücke, zwölf Kräuter, ein Jahr. Ein Album, das aus Zuwendung entstanden ist und genau das an seine Hörerinnen und Hörer weitergeben möchte.






