David Bergmüller
La Tournée de Weichenberger
Wir wissen fast nichts über Johann Georg Weichenberger. Geboren im Dezember 1676 als Sohn eines Grazer Kaufmanns, verdiente er sein Geld als kaiserlicher Beamter in der Wiener Hofbuchhaltung. Kein Berufsmusiker also – und doch galt er als außergewöhnlicher Lautenist. Von seinem Leben sind weder Porträt noch Briefe, weder Anekdoten noch ein verlässlicher Lebenslauf geblieben. Was geblieben ist, sind seine Stücke: verstreut über die Lautentabulaturen des österreichisch-böhmischen Raums, überliefert in Handschriften aus Brünn, Poděbrady und Krakau.
In diesen Quellen hat der Wiener Lautenist David Bergmüller eine musikalische Welt entdeckt, die bislang im Verborgenen lag. Am 13. November erscheint bei Berlin Classics sein Album La Tournée de Weichenberger – auf CD, Vinyl und als Stream. Erstmals wird diese Musik damit eingespielt und einem größeren Publikum zugänglich. Zeitgleich veröffentlicht der Wiener Musikverlag Bosworth Edition im selben Design die Notenausgabe mit sämtlichen Stücken des Albums. Anlass genug, einem Komponisten nachzuspüren, über den fast nichts bekannt ist, dessen Musik aber sofort eine eigene, unverwechselbare Sprache erkennen lässt. David Bergmüller hat zu diesem Projekt einen außerordentlich informativen und persönlichen Booklet-Text geschrieben, aus dem im Folgenden zitiert wird. „Er war ein Liebhaber, ein Amateur im ursprünglichen Sinn“, schreibt Bergmüller. „Für einen, für den die Musik nie Broterwerb war. Mit Dilettantismus ist aber nichts erklärt. Das ist erstklassige, in sich geschlossene Musik.“
Tatsächlich erzählen die Stücke von einem Musiker mit ausgeprägtem kompositorischem Selbstbewusstsein. In Weichenbergers Zeit waren Komponieren und Interpretieren keine getrennten Tätigkeiten. Wer Musik machte, schrieb sie oft auch selbst – aus der unmittelbaren Erfahrung des Instruments heraus. So klingt Weichenbergers Musik: idiomatisch, körperlich, ganz aus den Möglichkeiten der Laute entwickelt. Manche Sätze stehen noch in der Tradition der habsburgischen Lautenkunst und erinnern an die französischen Meister oder an Johann Anton Logy. Andere, etwa die „Galanterie aus Poděbrady“, wirken leicht, melodisch und erstaunlich modern. Ist darin die Entwicklung eines langen Lebens zu hören? Oder stammen die Stücke vielleicht von mehreren Händen – von einem älteren und einem jüngeren Weichenberger, von einem Sohn, einem Schüler, einer späteren Zuschreibung? Die Frage bleibt offen. Gerade darin liegt der Reiz dieser Musik: Sie bewahrt ihr Geheimnis.
Bergmüller nähert sich diesem Geheimnis nicht mit dem Anspruch, eine endgültige Wahrheit zu liefern. Er beginnt bei dem einen sicheren Ort in Weichenbergers Leben: Wien. Aus den historischen Spuren entwickelt er gegenwärtige Bilder, Situationen und Stimmungen. Ein Menuett wird zu einer Szene, ein Prélude zu einem inneren Monolog, aus einem schlichten Satz entsteht ein „Was wäre wenn“-Szenario. Weichenberger selbst gab einigen Stücken Beinamen – „Le Marichal, Schmids Echo“, „Le Fléau, Truscher“, „La Tournée“ oder „Pasorella“. Bergmüller führt diese Praxis weiter und verleiht weiteren Stücken eigene Aliase. Sie sind keine Gebrauchsanweisung, sondern Einladungen: „Sie sind mein Versuch, Weichenbergers Musik in meine Gegenwart zu übersetzen – in Wiener Bilder, Szenen, Stimmungen, in meine Sprache.“
Für die Aufnahme spielt Bergmüller drei verschiedene, eigens nach historischen Vorbildern gebaute Barocklauten. Alle drei sind elfchörig und mit Darmsaiten bespannt, doch ihre Größe und Stimmung verändern jeweils den Charakter der Musik. Die Knickhalslaute nach Hans Frei steht im gewöhnlichen accord nouveau und in d. Die kleinere Schwanenhalslaute nach Jakob Langenwalder aus Kremsmünster ist einen Ton höher in e gestimmt. David Bergmüller nennt sie augenzwinkernd seine „Bösendorfer-Laute“. Ihre Geschichte ist selbst ein kleines Stück Wiener Klanggeschichte: Für ihren Resonanzboden wurde das Holz eines alten, nicht mehr spielbaren Bösendorfer-Flügels verwendet. Ein Instrument, das einst ein ganzes Klavierleben lang mitgeschwungen hatte, beginnt darin ein zweites Mal zu klingen.
Die dritte, großmensurierte Laute nach Edlinger und Burgholzer ist eine Terz tiefer in h gestimmt – tief, weit und resonant. Ihre Wahl ist bereits Interpretation. Bergmüller vermutet, dass eine von Zeitgenossen erwähnte „deutsche Theorbe“ genau diesem tiefen Lautentyp entsprochen haben könnte. Der Klang des Instruments wird so zur eigentlichen Quelle seiner Deutung: „Jede Stimmung, jede Größe verlangt etwas anderes.“
Auch die Aufnahmeperspektive folgt diesem Gedanken. Bergmüller wollte kein Konzertpodium simulieren und keine vermeintlich neutrale Dokumentation herstellen. Die Mikrofone sind nah an den Saiten, der Klang entsteht aus der Sicht des Spielers. Atem, Fingerbewegungen und mitschwingende Saiten bleiben hörbar – jene feinen Nebengeräusche, die im Konzert vielleicht nur aus den ersten Reihen wahrzunehmen sind. „Ich wollte das Ohr ganz nah an die Saiten holen“, sagt Bergmüller. Die Musik kommt dadurch nicht aus der Ferne, sondern scheint unmittelbar vor dem Hörer zu entstehen: sinnlich, verletzlich und gegenwärtig.
So wird aus einer Entdeckung nicht nur ein neues Hörerlebnis, sondern auch eine Einladung an andere Musikerinnen und Musiker, Weichenbergers Musik weiterzudenken und zum Klingen zu bringen. Vielleicht ist das die schönste Form, einem fast vergessenen Menschen zu begegnen: indem man seine Musik nicht in ein abgeschlossenes Bild zwingt, sondern ihr Raum gibt, heute wieder lebendig zu werden.
David Bergmüllers Arbeit beginnt bei der historischen Laute und führt von dort in ganz unterschiedliche musikalische Räume. Sein Spiel verbindet historisch informierte Aufführungspraxis mit einer ausgeprägten Lust an Klanggestaltung und Gegenwart. Als Solist gastierte er bei bedeutenden Festivals und Konzerthäusern im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus; 2024 debütierte er am Theater an der Wien als musikalischer Leiter und Dirigent seines Ensembles Proxima D. Seine Arbeit reicht von Alter Musik über neue Kompositionen und Crossover bis zu elektronischen Klangwelten. Für Alter Ego, das er gemeinsam mit David Orlowsky realisierte, erhielt er den Opus Klassik. Mit La Tournée de Weichenberger bringt er nun einen Komponisten zum Sprechen, dessen Stimme fast verstummt war – und die doch, sobald die Saiten erklingen, erstaunlich unmittelbar zu uns spricht.










