Johanna Summer
Danae Dörken | Claire Huangci | Kit Armstrong | Igor Levit
Fünf im Dialog
Welch ein Erlebnis, durch Robert Schumanns „Waldszenen“ zu spazieren und plötzlich auf ganz neue Pfade abzubiegen! So erging es dem Publikum, das beim Lucerne Klavier Fest 2023 Zeuge eines einzigartigen Austauschs zwischen der Pianistin Johanna Summer und Igor Levit wurde, welcher diese gemeinsame Begegnung im Anschluss zu seinen „künstlerisch erfüllendsten Momente der letzten Jahre“ zählte. Levit machte den Aufschlag und spielte das erste Stück des romantischen Zyklus im Original, Summer nahm den Faden der jeweiligen Miniatur auf und lieferte mit einer Improvisation über das Gehörte ein Paradebeispiel ihrer musikalischen Intuition. Nichts an diesem Abend war abgesprochen, der Dialog zwischen Schumanns Klassikern und Summers Variationen entstand frei und ganz aus dem Moment heraus.
Für Johanna Summer, deren Zusammenarbeit mit Andreas Brandis als Produzenten bereits die vielbeachteten Alben Resonanzen und Cameo hervorgebracht hatte, wurde dieses Konzert in Luzern zum Anstoß für das neue Album Dialoge. Das Setting: Vier Duos zusammen mit den Pianist*innen Claire Huangci, Kit Armstrong, Danae Dörken und Igor Levit, jeweils an zwei Flügeln. Das Ziel: ein freier Austausch zwischen Tradition und Gegenwart, Komposition und Improvisation. Hinsichtlich des Repertoires sollten sich Summers Studiogäste die größtmögliche Freiheit nehmen, wie die Pianistin erklärt: „Ich bat sie, Stücke mitzubringen, mit denen sie sich identifizieren können. Und es sollte in Ordnung sein, wenn ich dann noch etwas hinzufüge.“
Johanna Summer wusste bis zum ersten gespielten Ton nicht, für welche Werke sich ihre Gegenüber entschieden hatten. Um der Musik gegenüber völlig unvoreingenommen zu sein, verließ sie sogar den Raum, wenn sich ihre Kolleg*innen vor der Aufnahme einspielten. Aus diesem Überraschungsmoment heraus ergibt sich die enorm risikofreudige, dynamische Wirkung, die Dialoge beim Hören hinterlässt. Besonders reizvoll war es für Summer, in die sehr persönliche Musikauswahl ihrer Duopartner*innen einzutauchen. Sie erläutert: „Danae wählte als Halbgriechin einen griechischen Schwerpunkt, mit Kompositionen von Manolis Kalomiris oder Mikis Theodorakis. Das Prelude von Zhou Tian wurde direkt für Claire geschrieben, die beiden kennen sich seit Studienzeiten. Igor hat mit dem ‚Andantino de Clara‘ wiederum ein Stück aus der Feder von Robert Schumann mitgebracht – das passte nach unserer gemeinsamen Vorgeschichte natürlich hervorragend. Und Kit hat bereicherte auf unkonventionelle Weise das Programm mit spontanen Zitaten aus seinem Repertoire – von der Renaissance bis in die Wiener Klassik.“
Das improvisatorische Weiter-Erzählen klassischer und zeitgenössischer Werke ist weitaus weniger üblich als das freie Spiel über Jazz- oder Pop-Standards. Mancherorts sorgt Summers ungewöhnliche Spielhaltung für Irritationen. So befand ein arrivierter Klassik-Kritiker nach umjubeltem Auftritt der Pianistin beim Lucerne Klavier Fest, diese Art von Umgang mit der Klaviertradition „passe in unsere fake-verliebte Gegenwart, in der zwischen Original und Fälschung immer weniger unterschieden wird.“ Fragt man Johanna Summer selbst nach dem Wie und Warum, wird schnell klar, dass es ihr nicht darum geht, der europäischen Klassik des Effekts wegen ein neues Gewand aufzuzwingen. Vielmehr geht es ihr um eine persönliche und zutiefst aufrichtige Sicht auf die musikalischen Vorlagen. „Mich interessiert am meisten: was will uns dieses Werk sagen? Welche Haltung, welche Energie steckt darin – und wie übersetze ich sie in mein persönliches Vokabular, das sich eben nicht nur aus der Klassik speist? Es geht darum, die Essenz des Stücks für sich selbst zu erkennen und eine Deutungsweise zu entwickeln. Im Prinzip macht jeder klassische Pianist mit seiner Interpretation nichts anderes. Die schönsten Momente sind die, in denen man unerwartet ein kleines Juwel entdeckt, sei es eine hübsche Phrase oder eine ungewöhnliche Akkordkombination, und erstmal wie verzaubert ist. Das erinnert mich an das Gefühl, dass, wenn ich als Kind einen Schrank aufräumte, ich manchmal ein längst vergessenes Spielzeug darin wiederfand. Und plötzlich entfaltet sich daraus ein ganzer Kosmos an Kreativität.“
Ist das nun Klassik? Oder Jazz? Und ist das überhaupt wichtig? Johanna Summer empfindet sich eher nicht als „Jazzpianistin“. Am besten einfach: Pianistin. Klavier-Ikone Joachim Kühn, selbst ein großer Brückenbauer zwischen Genres und Epochen, nennt das, was Johanna Summer macht „Musik voller Phantasie und ohne Kategorie“. Ob solistisch improvisierend, im Duo mit klassischen Musiker*innen oder im Umfeld von Grenzgängern wie Malakoff Kowalski oder Chilly Gonzales – Johanna Summers musikalische Vorstellungskraft scheint keine Grenzen zu kennen. Jede Begegnung mit dem Instrument und anderen Künstler*innen ist ein neuer Aufbruch. Und Johanna Summer klingt dabei immer ganz nach sich selbst.
Social
Live
09.04. Heidelberg, Heidelberger Frühling (+)
24.04. Chemnitz, Weltecho (§)
25.04. Nürnberg, Jazzstudio (§)
26.04. Heppenheim, Kurfürstensaal (§)
30.04. Eschborn, Eschborn K (§)
05.05. Würzburg, Mozartfest (*)
06.05. St. Gallen, GAMBRINUS JazzPlus °
12.05. Basel, Jazzfestival Basel (+)
15.05. Hainfeld, Hainfelder Jazztage (+)
16.05. Hainfeld, Hainfelder Jazztage (+)
17.05. Eningen, Andreaskirche (+)
06.06. Düsseldorf, Lovebird Festival (°)
12.07. Groß Pankow, kultur.farm.festival (#)
14.08. Innervillgraten, Hoch Kulturfestival (#)
28.08. Rostock, Hochschule für Musik und Theater (/)
11.10. Freiburg im Breisgau , Jazzhaus Freiburg (°)
15.10. Kassel, Theaterstübchen (°)
14.11. Leipzig, Schumann-Haus (#)
21.11. Luzern, Lucerne Festival (#)
(+) Jakob Manz & Johanna Summer
(*) mit Malakoff Kowalski & Chilly Gonzales
(°) mit Malakoff Kowalski
(#) Johanna Summer solo
(/) Dialoge mit Armida Quartett










