Matthias Kirschnereit
Acht Charakterstücke zum 150. Jubiläum
Es gibt Werke, an denen sich Generationen von Pianistinnen und Pianisten abarbeiten – und es gibt jenes eine Werk, das sich der pianistischen Aneignung scheinbar entzieht: Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“. Vier Abende, sechzehn Stunden Musik, ein Orchesterapparat von kosmischer Dimension. Und doch: Im Jahr des 150. Geburtstages der Bayreuther Festspiele und zugleich des 150. Jahrestages der Uraufführung des „Rings“ wagt der Pianist Matthias Kirschnereit gemeinsam mit dem Dirigenten und Komponisten Ettore Prandi genau diesen Schritt – und führt Wagners Tetralogie zurück auf ein einziges Instrument: das Klavier.
Apple Music hat Matthias Kirschnereit eingeladen, dieses doppelte Jubiläum mit einer exklusiven Aufnahme zu würdigen. Die Einladung kam nicht von ungefähr: Bereits im Vorjahr war Kirschnereits Album „Wagner Liaisons“ erschienen, auf dem er die weitgehend unbekannten Klavierjuwelen Wagners einem größeren Publikum vorstellte. „Ich habe mich intensiv mit der Tonsprache und der Klangwelt Richard Wagners auseinandergesetzt“, erinnert sich Kirschnereit, „und das Eintauchen in diese glühenden Emotionen, Leidenschaften, Sehnsüchte, Abgründe hat mich total fasziniert.“ Aus dieser Faszination und dem Wunsch von Apple Music nach „mehr Wagner am Klavier“ entstand die Idee, den „Ring“ in einer kompakten, so noch nie dargestellten Suite zu betrachten.
Für die Realisierung dieser Idee fand Kirschnereit in Ettore Prandi den idealen Partner – einen Dirigenten und Komponisten, dem das Werk seit Kindertagen vertraut ist. „Ich begegnete dem ‚Ring‘ zum ersten Mal, als ich elf Jahre alt war“, erzählt Prandi. „Die Schallplatten der legendären Aufführung mit Wilhelm Furtwängler waren mitsamt den vier Partituren mein Geschenk vor der nächsten schulischen Herausforderung.“ Seither lässt ihn dieses Werk nicht mehr los. Doch ein „Klavierauszug“ sollte die Suite gerade nicht werden. Prandis kompositorischer Ausgangspunkt war eine fast spielerische Frage: Wagner selbst hatte mit dem Siegfried-Idyll ein intimes, kammermusikalisches Stück aus dem Material der Tetralogie geschaffen. „Was wäre denn, wenn er in dieser Art Klavierstücke komponiert hätte? Welche Themen, welche Stimmungen hätte er vielleicht gewählt?“ Die Suche nach einer Antwort wurde zum Ansporn dieses Projekts.
Während die großen romantischen Paraphrasen des 19. Jahrhunderts entstanden, weil das Publikum Wagner nur in Bayreuth hören konnte, ist die Ausgangslage heute eine grundlegend andere. „Heute kann jeder mit zwei Klicks auf dem Handy die besten Aufnahmen aus Bayreuth, Berlin oder Wien hören“, sagt Prandi. „Daraufhin war für mich die nächste Frage: Was könnten wir denn mit dem Klang eines Flügels über den ‚Ring‘ erzählen? Vielleicht doch die intimen und lyrischen Seiten dieser Musik – etwa wie in imaginären Brahms’schen Intermezzi oder Chopin’schen Préludes aus Themen der Tetralogie.“ Acht Sätze, je zwei pro „Abend“ des „Rings“, verdichten so sechzehn Stunden zu einem Mini-Zyklus pianistischer Charakterstücke.
Die Reise beginnt im „Prelude in the Depths of the Rhine“ – jenem berühmten Es-Dur-Akkord, aus dem Wagner die Welt erschafft. „Das Vorspiel zum ‚Rheingold‘ stellt jedes Mal für mich das Problem der organischen Klangschichtungen dar“, sagt Kirschnereit, „vom Nichts, vom Ursprung zum jubelnden Rausch.“ Über die „Lament of the Rhinemaidens“führt der Weg in menschliche Sphären: Das Nocturne „In Hunding’s House“ atmet die Schwüle einer verbotenen Liebe, das Capriccio „Wild Rocky Mountains“ entfesselt mit seinen „wellengleichen Arpeggien und dem abschließenden Walkürenritt“, so Kirschnereit, die pianistisch komplexeste Landschaft der Suite. Im Intermezzo „The Wanderer“begegnen wir Wotan auf seiner einsamen Wanderung, ehe die lyrische „Idyll“ an das Siegfried-Idyll erinnert. Das Prelude „The Son of the Nibelung“ und der Epilog „Twilight of the Gods“ schließen den Bogen – nicht mit Weltenbrand, sondern mit der erstaunlichen Stille, die nur ein Klavier hervorbringen kann. „Emotional ist für mich mit Abstand der Epilog das Größte“, bekennt Kirschnereit.
Die Zusammenarbeit zwischen Pianist und Komponist verlief dabei in einem engen, lebendigen Dialog. Prandi lieferte über Wochen verteilt Satz für Satz; Kirschnereit spielte ihm alles vor, schlug Veränderungen vor, gestaltete den Klaviersatz „klingender“, spielbarer, wirkungsvoller. „Interessant war, dass Ettore es begrüßte, dass ich den ‚Ring‘ nicht bis ins letzte Detail kannte“, erzählt Kirschnereit, „und ich den Stücken viel unvoreingenommener begegnet bin. Es stand also nie im Raum, einen Klavierauszug wiederzugeben. Für mich sind es acht Charakterstücke, basierend auf Themen aus Wagners ‚Ring‘!“
Genau diese unvoreingenommene, erzählerische Qualität war für Prandi der Grund, warum Kirschnereit der ideale Interpret war. Die Süddeutsche Zeitung hat ihn einmal „Poet am Klavier“ genannt – und Prandi pflichtet bei: „Es fasziniert mich in jeder Interpretation von Matthias, dass er etwas vorträgt, als ob er natürlich und rhapsodisch improvisieren würde, als ob das Werk in genau dem Moment entstehen würde, in dem er es spielt.“ In Kirschnereits Spiel, so der Komponist, entdecke er „immer wieder neue überraschende Farben, Zwischentöne und fantasievolle Gedankenentwicklungen, die mir beim Schreiben nicht bewusst waren“.
Was bleibt, ist eine Einladung. „Ich hoffe, dass sich die Hörerinnen und Hörer von dieser Musik bezaubern und ergreifen lassen“, wünscht sich Kirschnereit. „Und diese kurzen Momente zum Träumen, Nachdenken, Genießen nutzen – und neugierig werden auf Weiteres.“ Eine Aufnahme zum Jubiläum also, und zugleich ein neuer, kammermusikalisch-intimer Zugang zu jenem Mythos, der die Musikgeschichte seit 150 Jahren prägt.


















